Ein elektrischer Kombi mit Sinn für Realität (Opel Astra Electric Sports Tourer)
90 Jahre Kompaktklasse sind bei Opel kein Grund, nostalgisch zu werden. Im Gegenteil: Während sich die Autowelt rasant verändert, bleibt der Astra erstaunlich bodenständig – und fährt trotzdem mitten hinein in die elektrische Zukunft. Seit dem Kadett von 1936 hat sich viel verändert, eines aber ist geblieben: der Anspruch, möglichst viel Auto auf möglichst vernünftige Weise anzubieten. Rund 25 Millionen Kadett und Astra später tritt der aktuelle Astra Sports Tourer als Elektro-Kombi an. Mit größerer Batterie, mehr Reichweite, 156 PS und einem aufgefrischten Auftritt. Vor allem aber mit jener selten gewordenen Tugend, die man im Alltag schnell zu schätzen lernt: Er will nicht ständig beeindrucken, sondern funktionieren. Und zwar ziemlich gut.

Exterieur: Ein Klassiker blickt nach vorn
Manchmal erzählt ein Auto seine Geschichte nicht über große Worte, sondern über seinen Standort. Beim Astra ist das Rüsselsheim. Hier wird der Kompaktklasse-Opel entwickelt, gestaltet und gebaut. So auch die aktuelle Astra-Generation. Für eine Baureihe, deren Wurzeln bis zum Kadett von 1936 zurückreichen, ist das ein bemerkenswertes Signal. Optisch bleibt der Astra der aktuelle Astra – und genau das ist eine seiner Stärken. Der Sports Tourer wirkt lang, flach und erwachsen, ohne sich mit künstlicher SUV-Dramatik aufzublasen. 4,64 Meter Länge und 1,86 Meter Breite verleihen ihm eine stattliche Präsenz. Zum Update bekommt die Front eine neue Note. Der Opel-Blitz ist erstmals beleuchtet und setzt damit einen kleinen, aber wirkungsvollen Akzent. Auch beim Thema Licht fährt Opel traditionell gerne vorne mit. Je nach Ausstattung sind Intelli-Lux-HD-Scheinwerfer serienmäßig oder optional erhältlich. Das Ergebnis ist kein spektakulärer Neustart, sondern eine behutsame Evolution. Der Astra muss nicht laut verkünden, dass er elektrisch fährt. Er sieht einfach aus wie ein moderner Kombi – und genau darin liegt ein Teil seines Reizes.
Interieur: Wo Knöpfe plötzlich wieder sympathisch sind
Wer heute in ein neues Auto steigt, weiß häufig erst einmal nicht, wo sich die Klimaanlage versteckt. Beim Astra ist das anders. Opel hält an klassischen Bedienelementen fest. Wichtige Funktionen lassen sich über echte Tasten und Schalter bedienen. Das klingt nach einer Kleinigkeit, wird aber spätestens dann angenehm, wenn man während der Fahrt die Temperatur ändern oder eine Funktion aufrufen möchte, ohne sich durch mehrere Bildschirmmenüs zu arbeiten. Das Cockpit selbst ist dagegen ausgesprochen digital. Zwei zehn Zoll große Bildschirme bilden die zentrale Informations- und Entertainment-Einheit. Das leicht zum Fahrer geneigte, gebogene Display wirkt modern, ohne den Fahrer mit Informationen zu überladen. Besonders angenehm: Unterhalb des zentralen Bildschirms sitzt weiterhin ein echter Knopf für den Home-Bildschirm. Ein kleines Detail, das zeigt, dass Digitalisierung und intuitive Bedienung kein Widerspruch sein müssen. Die ergonomischen AGR-Sitze gehören zu den typischen Opel-Stärken und machen auch im Astra Sports Tourer eine gute Figur. In der von uns gefahrenen GS-Version kommen Sitz- und Lenkradheizung hinzu. Der Kofferraum fasst 516 Liter. Werden die Rücksitzlehnen umgelegt, stehen bis zu 1.553 Liter zur Verfügung. Damit bleibt der Astra das, was viele Käufer von einem Kombi erwarten: ein Auto, das Familie, Einkauf, Sportequipment und Urlaubsgepäck unter einen Hut bringt.
Motorisierung: Elektrisch, aber ohne großes Theater
Beim Astra Sports Tourer stehen vier Antriebskonzepte zur Verfügung: Elektro, Plug-in-Hybrid, Hybrid und Diesel. Wer sich für den Electric entscheidet, bekommt einen 115 kW beziehungsweise 156 PS starken Elektromotor mit 270 Newtonmetern Drehmoment. Der Elektromotor treibt die Vorderräder an und beschleunigt den Kombi in rund 9,5 Sekunden auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 170 km/h. Viel interessanter als die Zahlen ist jedoch, wie sich diese Leistung im Alltag anfühlt: Bis etwa 130 km/h bleibt der Astra angenehm elastisch und souverän. Erst darüber wird der Vortrieb spürbar zurückhaltender.

Die größere Batterie ist die entscheidende Neuerung. Der aktuelle Astra Electric Sports Tourer verfügt über einen 58-kWh-Akku. Opel gibt eine WLTP-Reichweite von bis zu 445 Kilometern an; je nach Konfiguration und Messwert liegt die offizielle Spanne bei 422 bis 445 Kilometern. Das ist eine Reichweite, mit der sich der Astra nicht nur als Pendlerfahrzeug, sondern auch als Reiseauto positionieren kann. DC-Schnellladen ist mit bis zu rund 100 kW möglich. Unter optimalen Bedingungen dauert der Ladevorgang von 20 auf 80 Prozent etwa 30 Minuten. Zu Hause oder an einer geeigneten AC-Ladestation sind bis zu 11 kW möglich.
Fahrverhalten: Lieber souverän als spektakulär
Das erste Anfahren ist typisch Elektroauto: unmittelbar, leise und ohne Schaltvorgänge. Der Astra setzt sich sauber in Bewegung und vermittelt dabei nicht den Eindruck, dass seine 156 PS zu wenig sein könnten.
Seine eigentliche Stärke liegt ohnehin nicht im Sprint, sondern in der Balance. Das Fahrwerk ist straffer abgestimmt als bei manch anderem Vertreter der elektrischen Kompaktklasse, ohne deshalb unbequem zu werden. Der Astra liegt satt auf der Straße und vermittelt eine angenehme Klarheit. Gerade auf kurvigen Landstraßen wirkt der Sports Tourer erstaunlich verbindlich. Für den Alltag reicht der Eco-Modus vollkommen. Normal und Sport verändern das Ansprechverhalten spürbar, ohne aus dem Astra plötzlich einen Sportwagen zu machen. Und das ist vollkommen in Ordnung. Ein Kombi muss kein Elektro-Hypercar sein. Interessanter ist ohnehin die Effizienz. Auf unserer Testfahrt wurden 15,2 kWh pro 100 Kilometer gemessen. Bei einer weiteren, zügig gefahrenen Runde inklusive Autobahn standen 16,7 kWh auf dem Display. Dabei herrschten neun Grad Außentemperatur und Winterreifen waren montiert. Der aktuelle WLTP-Wert des Sports Tourer liegt bei 15,6 bis 15,8 kWh/100 km. Das zeigt vor allem eines: Der Astra geht mit seiner Energie vergleichsweise diszipliniert um.
Fazit
Der Opel Astra Electric Sports Tourer ist ein klassischer Kombi mit modernem Antrieb. Einer, der vier Erwachsene bequem unterbringt, Gepäck für die große Reise schluckt und dabei nicht versucht, seine Herkunft zu verleugnen. Damit bleibt der Astra seiner Rolle treu: Er möchte kein Statement auf vier Rädern sein, sondern ein verlässlicher Begleiter. Ein Kombi für Menschen, die elektrisch fahren wollen, ohne deshalb auf die klassischen Vorteile eines guten Familienautos zu verzichten.







